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Fakten

Max dudler

international vielfach ausgezeichneter Architekt

Geboren in:
Altenrhein, Schweiz

Büros in:
Berlin, Zürich und Frankfurt am Main

Baustil:
Seine Architektur ist von Rationalismus und Minimalismus geprägt

Jost Hurler und Max Dudler:
Für Jost Hurler realisiert Max Dudler 4 charakteristische Gebäude im Schwabinger Tor

Essay von Max Dudler

Über das
Weiterbauen
europäischer
städte

Heerscharen von Touristen fallen auch in diesem Sommer wieder in die Innenstädte Europas ein. Paris, Wien, Rom, München, Mailand heißen ihre Ziele. Sie strömen durch Gassen, Straßen und Plätze, bewundern die berühmten Monumente und jeder Einzelne darf sich selbst unwillkürlich als Teil dieser begehrenswerten Lebendigkeit namens Urbanität erleben.

Es ist wahr, die Kernstädte sind zu einer Art Fetisch geworden: Auf eine im Grunde geringe Fläche konzentriert sich unsere ganze Aufmerksamkeit – mit all den negati­ven Begleiterscheinungen, die diese Entwicklung für die historischen Innenstädte und auch für den verbleibenden Rest mit sich bringt. Doch gerade wir Architekten müssen uns fragen (lassen), warum das so ist. Die Gründe für diese Verengung der Perspektive sind nicht nur in der Ökonomie oder einer vermeintlich beschränkten ­Auffassung des Publikums zu suchen. Denn der Erfolg und das Funktionieren eines städtischen Raumes hängen direkt mit seinen architektonisch-städtebaulichen Quali­täten zusammen. Es liegt vor allem an der Gestaltung der Straßen, Gassen und Plätze, ob und wie dieser urbane Raum von den Menschen angenommen wird.

Doch wie soll heute die Stadt von morgen aussehen? In diesem Punkt widersprechen sich die Empfehlungen der Experten: Während die einen den technoiden Fiebertraum, das „Alles-muss-anders-Werden“ einer verlängerten Moderne weiterträumen, verlieren sich wieder andere im ewigen Gestern. „Früher einmal war alles besser“ lautet das unausgesprochene Kredo dieser Partei.

Architektur ist nichts anderes als Lebensqualität. Auf dieser Erkenntnis basiert unser Denken und Handeln.

Auch ich glaube, dass es wichtig ist, heute wieder an die Geschichte anzuknüpfen. Doch nicht im Sinne eines Schwärmens für eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit, und schon gar nicht als minder­begab­ter Kopist. Jene Form der Annäherung an Geschichte, die ich meine, ist vielleicht am ehesten in der intuitiven Sicherheit zu begreifen, welche die Menschen ­unbeschwert durch dieses komplexe Gebilde „Stadt“ leitet. Diese unwillkürliche Vertrautheit hat etwas mit Tradition zu tun. Und sie ist ein europäisches Phänomen: Die ungeschriebene Grammatik der europäischen Stadttradition leitet die Menschen. Hier gilt es anzuknüpfen.

Im Grunde beantwortet ein Architektur­entwurf die einfache Frage, wie ein Haus aussehen soll. Interes­sant ist, dass es auf diese Frage fast ­unendlich viele Antworten gibt.

Und obwohl der Umgang der Benutzer von Architektur mit ihr intuitiv und unbeschwert ist (oder sein sollte), scheint ihre Herstellung problematisch geworden zu sein. Anscheinend kennt niemand eine einfache Antwort auf diese einfache Frage. (Schon gar nicht die Architekten.) Diese Unsicherheit hat etwas mit der Moderne zu tun, deren revolutionäre Umwälzungen neuartige Standards etablieren und eine neue Tradition hervorbringen wollten; nach den totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts scheinen diese revolutio­nären Ansätze kompromittiert. Auf ihren Trümmern – Utopie und Alptraum zugleich – arbeiten wir heute ohne gesicherte Tra­dition. Es ist eine Leerstelle entstanden, die der Architekt, wenn er denn dazu befähigt ist, mit eigenen Strategien und Konzepten füllen muss.

In dieser Situation kann sich ein sinnvoller Ausdruck unserer Zeit nur einstellen, wenn wir unser Bauen wieder in ein Verhält­nis zur Geschichte setzen – nicht in einem senti­mentalen Sinne, sondern schöpferisch! Denn in der architektonischen Arbeit wird die Geschichte aktiv und lebendig. Seit tausenden von Jahren baut der Mensch und mit jedem Bau kommen neue Vor­stellungen, Erfahrungen, Ideen und ­Bilder hinzu.

In meiner Architektur versuche ich diesen in der Geschichte geborgenen Vorrat an Ideen, Wissen und Erfahrungen für die Zukunft zu erschließen.

Doch diese Bilder oder konkreten historischen Architekturen verwandeln sich im Verlauf des Entwurfsprozesses. Wir transformieren sie in die Gegenwart und machen sie in der Sprache und den Mitteln unserer Zeit wirksam. Wir suchen ein Neues, das ohne das Alte nicht denkbar und möglich wäre.

Verdichtungen nach Innen

Von Alberti ist uns die Vorstellung vom Haus als einer kleinen Stadt und von der Stadt als einem großen Haus überliefert – ein Bild, das seither zum klassischen Metaphern-Repertoire architektonischen Denkens gehört. In diesem Sinne liegt auch der Schwerpunkt meines Bauens nicht auf dem singulären Haus als ästhetischem Objekt, vielmehr verstehe ich unsere Gebäude gewissermaßen als Übersetzung von Städtebau in Architektur.

Dabei ist der Ort unser Ausgangspunkt. Der Ort ist der Ausgangspunkt allen ­Bauens – und zwar als räumliches In-Beziehung-Setzen, als dialektische Auseinandersetzung zwischen Haus und Stadt, zwischen Urbanität und Landschaft, zwischen öffentlichem und privatem Raum. Das Verhältnis dieser Qualitäten spiegelt zugleich das Verhältnis der Menschen untereinander wider – und in diesem Sinne ist Architektur eminent politisch.

Wie also kann sich das Weiterbauen der europäischen Stadt gestalten? Sicher nicht durch Zersiedelung der Landschaft, sicher nicht durch immer neue Traban­tenstädte an den Rändern der Metropolen. Sicher nicht durch Billigbau. Ich glaube, wir müssen im Gegenteil dichter bauen, urbaner bauen, Qualität bauen. Statt Siedlungen, die dem Prinzip der Repetition folgen, benötigen wir lebendige Stadt­quartiere mit öffentlichen Räumen und klar definierten Orientierungspunkten. Architektur lebt von ihrem Gegenüber – einem Gegenüber, an dem man sich orientiert, das vielleicht auch irritiert –, auf das es zu reagieren gilt. Verdichtung nach innen – das muss unser Ziel sein.

Dichte bezeichnet für mich in diesem Sinne jedoch nicht bloß das Verhältnis einer Menge zu einer Volumeneinheit. Verdichtung nach innen ist zunächst ein urbanis­tisches Konzept zur Bewältigung von Wachstum. Aber es handelt weniger von Enge und Mangel als von Vielschichtigkeit, von Durchmischung, von Komplexität und dem Zusammentreffen von Gegen­sätzen auf kompaktem Raum. Aus dieser Perspektive wird Dichte zu einer Metapher für das Städtische schlechthin. Denn Stadt­kultur ist immer eine Kultur der Dichte.

Für mich verwirklicht das Projekt Schwabinger Tor im besten Sinne diese Idee der verdichteten europäischen Stadt.

Hier entsteht aufs Neue ein urbanes Geflecht von Straßen, Gassen und Plätzen, die auf einfache wie gelungene Weise öffentliche mit privaten Räumen in Beziehung setzen. Das einzelne Haus verbindet sich zu einem lebendigen Quartier, das ­vertraut und neu zugleich ist – und so entsteht ein neues Stück Stadt für seine Bewohner und Besucher.

SEIT TAUSENDEN VON JAHREN BAUT DER MENSCH UND MIT JEDEM BAU KOMMEN NEUE ­VORSTELLUNGEN, ERFAHRUNGEN, IDEEN UND BILDER HINZU.

Welche „Bausteine“ braucht ein ­funktionierendes und lebendiges Stadtquartier?

Max Dudler Vor allem kommt es, denke ich, auf die Bewohner an! Unsere Aufgabe ist es, eine Architektur zu schaffen, die sich die Menschen aneignen können. Das Bauen dient doch vor allem dem Leben.

 

Sie beschreiben eine für Sie wichtige ­Verknüpfung Ihrer modernen Archi­tektur mit (Bau-)Tradition, Herkunft und dem Ort. Wie viel „München“ oder wie viel „Europa“ steckt in Ihrem Bau im Schwabinger Tor?

M. D. Der Königsbau in der Münchner Innenstand wurde von König Ludwig I. im Grunde als Kopie des Palazzo Pitti in ­Florenz errichtet. Gerade die Italophilie der Münchner Residenz wirkt aber heute besonders münchnerisch. Ich will damit belegen, dass sich die Identität und Atmosphäre eines Ortes nicht einfach linear konstruieren lässt. Trotzdem behaupten wir, dass unsere Häuser am Schwabinger Tor in Aufgabe, Gestalt und Konstruktion sehr europäisch sind und hoffentlich auch viel München darin steckt. Wir machen das an Materialien und Farben fest, aber vor allem an dem Versuch, ein Stück Stadt zu errichten. Mit Gassen, Straßen und Plätzen aus dauerhaften Materialien, mit ruhigen großzügigen Fassaden.

 

In boomenden Metropolen, wie auch in München, wird Platz bzw. Fläche zur Mangelware. Sie verstehen diese urbane Dichte als etwas Positives. Wird sich das Leben in der Stadt durch Nachverdichtung verändern – beispielsweise das Wohnen? Welchen Einfluss hat diese städtische Dichte?

M. D. In der Schweiz, wo ich herkomme, wird diese Diskussion mit viel größerer Vehe­menz geführt. Man hat erkannt, dass der Bau von immer neuen Siedlungen auf dem Land eine der wichtigsten Ressourcen der Schweiz bedroht: die Landschaft. Auch die Politik hat umgesteuert. Ich glau­be, dass das auch hier in Deutschland kommen wird – aus Knappheit an Raum oder auch aus Einsicht. Das gemeinsame Leben auf engem Raum ist ein anderes Leben, ein urbanes Leben. Das heißt, es spielt sich viel stärker im öffentlichen Raum ab. Und gerade in die Qualitäten des öffentlichen Raumes müssen wir in Zukunft viel mehr Energie und Sorgfalt investieren. Architektonisch, städtebaulich, aber auch in Bezug auf ­Infrastruktur, Sicherheit, Energie etc.

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