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Fakten

Fakten

Menschen, die in Städten leben Quelle: United Nations

  • 2005 3,2 Mrd.
    ca. 50 % der Weltbevölkerung
  • 2030 5 Mrd.
    ca. 60 % der Weltbevölkerung

Fakten

Bevölkerungswachstum in Deutschlands Großstädten im Zeitraum von 1999 bis 2008

  • München 11,1%
  • Dresden 7,5%
  • Leipzig 5,3%
  • Hamburg 4%
  • Nürnberg 3,5%
  • Köln 3,4%
  • Frankfurt am Main 3,3%

Fakten

2016 globale Weltbevölkerung:
6,9 Mrd.

Davon Menschen, die auf dem Land leben:
3,4 Mrd.

Essay von Bettina Sigmund

Globale
Metropolen
Das weltweite
Stadtnetzwerk boomt

Viele historisch gewachsene Städte sind mit ihren Kapazitäten am Limit: Fläche, Wohnraum, Infrastruktur und Versorgung werden bei stetig wachsenden Bevölkerungszahlen zu wichtigen Schlüsselfaktoren. Genau hier liegen große Chancen für Architekten, Stadtplaner und Projektentwickler, neue Lösungen für die Stadt der Zukunft zu entwickeln. Sinnvolle Nachverdichtungsstrategien, schlaues Ressourcenmanagement und die vorausblickende Integration neuer Techno­logien eröffnen unerwartete Potenziale für intelligente Zukunftsstrategien. Mit unseren heutigen Stadtvisionen haben wir jetzt die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, wie die Menschen in 100 Jahren leben werden.

Metropolen rücken als Lebensort immer stärker in den Fokus. Im Gegen­satz zu ländlichen Regionen, die kontinuierlich ins Hintertreffen geraten, versprechen Städte weltweit Arbeit, Wohnen, Kultur und Bildung. Das globale Wachstum der Stadtbe­völkerung, der demographische Wandel, aber auch zukunftsweisende Techno­logien oder neue Gesellschaftsformen fordern nach Veränderungen der heutigen Stadtsysteme. Moderne Städte müssen sich neu erfinden, um bei ­diesen komplexen Änderungsprozessen mithalten zu können.

Urbanes Bevölkerungswachstum

Im Jahr 2005 lebten etwa 3,2 Milliarden Menschen in Städten, was etwa 50 % der Weltbevölkerung entsprach. Bis in das Jahr 2030 wird diese Zahl auf 5 Milliarden und auf etwa 60 % der prognostizierten Weltbevölkerung anwachsen. Dabei findet diese Verteilung nicht gleichmäßig statt. In Nordamerika wird mit einer Verstädte­rung von 87 %, in Lateinamerika mit 84 % und in Europa mit 78 % gerechnet. In den nächsten 15 Jahren müssen also weltweit zusätzlich ca. 1,8 Milliarden Menschen ein lebenswertes Zuhause in den boomenden Städten finden. Nicht umsonst wird das 21. Jahrhundert schon jetzt das ­„Jahrhundert der Städte“ genannt. Viele wichti­ge Strömungen und Entwicklungen werden in den Städten ihren Anfang ­nehmen.

Globale Stadtforschung

Pulsierende, internationale Metropolen wie Tokio, New York oder London geben den Takt für eine neue urbane Lebens- und Wohn­kultur vor. Auch deutsche Städte befinden sich seit etwa den 2000er-Jahren in einem „Metropolfieber“. Dabei zählen nicht nur Großstädte wie Hamburg oder München zu den boomenden Zentren, ­sondern auch wachsende Regionen wie das wirtschaftlich starke Emsland oder der Schwarzwald. Seit den 1980er-Jahren existiert die noch junge wissenschaftliche Disziplin der „Global-City-Forschung“, die sich mit den gesellschaftlichen und räumlichen Aspekten von Megametropolen befasst. Stadtsoziologen, Sozialwissenschaftler und Planer haben dabei herausgefunden, dass globale Großstädte in einem Netzwerk agieren. Durch einen welt­weiten Austausch von Bewohnern und Arbeitskräften, Dienstleistungen, Kapital und Gütern ist der Einfluss der globalen Metropolen untereinander stärker als der des jeweiligen Landes oder der nahelie­genden Region. Je globalisierter eine Stadt ist, desto stärker zieht sie weitere Menschen völlig unterschiedlicher Bildungs- und Einkommensschichten an. Dabei gab es in den westlichen Städten bis vor etwa 30 Jahren eine charakteristische ­Zirkulation der Bewohner innerhalb der Stadtsysteme. Junge Erwachsene und Singles lebten im Zentrum, Paare in den zentrumsnahen Regionen und Familien im suburbanen Umland. Es existierte ein klarer Zusammenhang von Wohnform und Ort, Einkommen und Status. Veränderte soziale Lebensformen, größere Mobilität oder neue Anforderungen der Arbeitswelt setzen diesen Kreislauf nun immer mehr außer Kraft – unabhängig von Status, gewähl­ter Lebensform oder Einkommen verharren die Menschen in den ersten ­beiden Phasen oder springen auch wieder zurück. Die Zusammensetzung der zentrumsnahen Stadtbevölkerung verändert sich und mit ihr die baulichen Anforde­rungen an globalisierte Städte.

Intelligente Stadtsysteme

Viele unserer heutigen Städte basieren auf historischen Organisationsstrukturen. Um auch in Zukunft zu funktionieren, müssen sie es trotzdem schaffen, anpassungs- und umbaufähig zu sein und neue intelligente Technologien zu integrieren. Im Rahmen der „Smart City“-Forschungen werden die Potenziale der digitalen Vernetzung zur Optimierung der urbanen Prozesse in den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung, Bevölkerung, Umwelt, Mobilität und Wohnen ausgelotet. Dabei prallen sehr unterschied­liche Innovationszyklen aufeinander. ­Während bauliche Strukturen wie beispiels­weise Gebäude oder Abwassersysteme für Innovationszyklen von ca. 80 bis 100 Jah­ren errichtet werden, sind die technischen Innovationszyklen mittlerweile auf nur zwei Jahre geschrumpft. Die momentan kürzesten Zyklen werden mit etwa drei Monaten pro Innovation durch Apps gestellt. Smart Citys sollen neue urbane Lösungen für postindustrielle Städte vorgeben, die durch technische, häufig digital vernetzte, aber auch gesellschaftliche Innovationen ein nachhaltiges Leben für die moderne Stadtbevölkerung bieten. Viele Städte beteiligen sich bereits in unter­schiedlichen Forschungsprojekten wie dem EU-Programm Horizon 2020, dem Projekt Morgenstadt des Fraunhofer IAO oder der ExWo-Studie Smart Cities des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Europäische Vorreiterstädte auf dem Weg zur Smart City sind unter ande­rem Amsterdam, Kopenhagen, Wien oder Berlin. Aber auch München geht hier gemein­sam mit den Partnerstädten Lyon und Wien innovative Wege und ­wur­de für das EU-Projekt „Smarter Together“ ausgewählt. In den Modell­regionen Neu­aubing-Westkreuz sowie Freiham sollen nun zukunftsfähige ­Stadtteile entstehen, die neue Konzepte für innovative Wohnanlagen und Bürger­beteiligung, für Energieeffizienz und vernetzte Mobilität präsentieren.

Mobilität und Infrastruktur

Infrastruktur, Verkehrsnetze und der Privat­verkehr haben einen enormen Einfluss darauf, wie unsere Städte aufgebaut sind und wie sie funktionieren. Die auto­gerechten Städte der Nachkriegszeit erfah­ren momentan eine Metamorphose. Die Bedeutung des Automobils als Statussymbol sinkt. Statt autogerecht sollen Städte nun menschen- und umweltgerecht sein. Gleichzeitig zum Imagewechsel und zu den veränderten Mobilitätsbedürfnissen findet ein Technologiewechsel statt. Unternehmen der Kommunikationstechnologie, High­techunternehmen und Mobilitätsdienstleister arbeiten gemeinsam daran, Pkws und andere Verkehrsmittel über das Internet und WLAN-Kommunikation intelligent miteinander zu vernetzen und zu steuern. Autonomes Fahren, E-Mobilität, Car-Sharing oder App-basierte Servicemodelle können langfristig zur verkehrstechnischen Entlastung der Städte beitragen. Neue öffentliche Verkehrskonzepte werden weiterhin dazu führen, dass der Flächenbedarf des Automobils im urbanen Stadtraum abnehmen wird. Ob Parkraum, Straßen, Freiflächen oder Fußwege – Platz ist Mangelware in verdichteten Städten. Hier gilt es, die unterschiedlichen Interessen der verschie­denen Nutzergruppen zu vereinen. Die Digitalisierung der Mobilität wird – je nach­dem, in welchem Maße sich die Trends durchsetzen – direkten Einfluss auf den Städtebau, die Infrastruktur und auch die Architektur haben.

Neue Konzepte für den Wohnungsbau

Den sehr stark unter Druck geratenen städtischen Wohnungsbau zu fördern, ist eine der Bestrebungen von Politik, Wirtschaft und Planern. Die gesamte Baubranche ist momentan dazu aufgerufen, innovative – und besonders finanzierbare – Wohn- und Lebensräume für alle unterschiedlichen Bewohnergruppen zu schaffen. Zukunftsorientierte Lösungen versprechen dabei besonders Konzepte für größere Strukturen, sprich für Mehrfamilienobjekte und den Geschosswohnungsbau. Das suburbane Einfamilienhaus wird nach und nach zum Auslaufmodell. Seine Nachteile liegen in dem hohen Flächenverbrauch und den damit verbundenen Kosten, der hohen Zersiedlung der Ortschaften sowie der sozialen Entmischung. Auch aus Umwelt- und Energieaspekten spricht vieles gegen das Einfamilienhauskonzept, das ener­getisch als Einzelkämpfer nicht die Möglichkeiten von Geschosswohnungsbauten oder sogar ganzen Quartieren erreichen kann, die beispielsweise im Verbund ihre benötigte Energie sogar bereits selbst vor Ort produzieren können. Auch der höchste Wohnstandard liegt für viele nicht mehr im Eigenheim. Die gemeinschaftliche Nutzung von Flächen und Dienstleistungen überwiegt gegenüber dem Wunsch der Abschottung. Partizipative Sonderformen wie Baugruppen- oder Selbstbauprojekte sowie die gesteigerte Integration des Bewohners in den Planungsprozess zeigen neue Ausprägungen einer urbanen Wohnkultur.

Sharing als gesellschaftlicher Trend

Das Teilen von Konsumgütern hat sich als Gegenbewegung zum unkontrollierten Konsum, zur Wohlstands- und Wegwerf­gesellschaft entwickelt. Unterstützt durch die Möglichkeiten der Vernetzung durch das Internet und die schnelle und unkom­pli­zierten Art der Kommunikation auch mit Fremden wird es möglich, Dinge zu leihen, statt sie zu kaufen. Die Bedeutung von Besitz verändert sich und auch das Vertrauen in die Gemeinschaft ist wieder gestiegen. Was vor wenigen Jahren als Sub­kultur begonnen hat, hat sich mittlerweile zu einer globalen Bewegung der westlichen Welt entwickelt. Wohlstand defi­niert sich nicht mehr ausschließlich durch Besitz, sondern durch Teilhabe. Dieser Trend hat auch Auswirkungen darauf, wie wir in Zukunft arbeiten und leben werden. Die Menschen in den Städten haben erkannt, dass es für sie einfacher und lukra­tiver ist, Räumlichkeiten für verschiedene Nutzungen zu teilen. Vielen geht es um Zugang und Teilhabe statt um Besitz, ob auf der Ebene der Wohnung, des Gebäudes oder des Stadtquartiers. Diese neue Gesell­schaftskultur fordert auch eine neue Wohn-, Stadt- und Planungskultur.

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